EXPERTENMEINUNGEN

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e. V.

Der Dokumentarfilm „Elternschule“, der zurzeit in ausgewählten Programmkinos gezeigt wird, schlägt hohe Wellen: Kritikerinnen und Kritiker entdecken psychische und physische Gewalt, Kindeswohlgefährdung, Horrorszenen und zeigen sich zum Teil tief betroffen über ein aus ihrer Sicht unmenschliches Verhalten den Kindern gegenüber. Es wird gefordert, weitere Aufführungen des Films zu unterbinden und die Gelsenkirchener Klinik, in der der Film gedreht wurde, zu schließen.

Was genau aber zeigt der Film? Er zeigt Ausschnitte aus den stationären Behandlungen junger Kinder und ihrer Familien. Dabei geht es um Familien, die sich in höchster Not befinden. Sie haben schon mehrere erfolglose Behandlungsversuche hinter sich und wissen sich nicht mehr zu helfen. So äußert im Film z. B. eine Mutter, dass sie ihr Kind in ein Heim geben müsse, wenn die Behandlung nicht helfe, da sie sonst nicht mehr wisse, was sie tun solle. Zu sehen ist u. a. auch ein Kleinkind, das aufgrund seiner Nahrungsverweigerung aus gesundheitlichen Gründen per Sonde ernährt werden muss, falls die Behandlung nicht wirkt. Das Behandlungskonzept „Elternschule“ ist auf solche schwerwiegenden Fälle zugeschnitten und nicht etwa ein allgemeingültiger Erziehungsratgeber.

Die Behandlungen umfassen offensichtlich Schulungen der Eltern, in denen ihnen nahegebracht wird, warum ihre bisherigen Problemlöseversuche scheiterten; der Titel des Films betont diesen wesentlichen Behandlungsbaustein. Ein besonderes Gewicht wird dabei auf Aufschaukelungsprozesse gelegt, die zu Stresssteigerungen bei Kindern und Eltern sowie zu ständigen Konflikteskalationen führen. Den Eltern wird nahegelegt, aus diesen schädlichen Kreisläufen auszusteigen. Prinzipien konsequenter Erziehung, die sich aus der lernpsychologischen Grundlagenforschung ableiten lassen und sich auch in der Praxis von Erziehungsberatung und Kinderpsychotherapie bereits bewährt haben, kommen dabei zum Einsatz. Die gezeigten Ausschnitte aus den Elterngesprächen wirken durchgängig wertschätzend und ressourcenorientiert.

Bei der Umsetzung neuer Erziehungsstrategien werden die Eltern vom Team der Station unterstützt und angeleitet. Zum Teil, bei für die betroffenen Eltern mutmaßlich überfordernden, besonders festgefahrenen Situationen, werden die Eltern dadurch entlastet, dass das Klinikpersonal im ersten Schritt bestimmte Verhaltensänderungen (Schlafverhalten, Essverhalten, Trennungsverhalten) initiiert, in die die Eltern wieder eingebunden werden, wenn die Situationen nach einiger Zeit entschärft wurden.
Zu sehen sind zum Teil große Hilflosigkeit und Sorgen der Eltern, z. T. aber auch leidende Kinder. Sie leiden an den vorübergehenden Trennungen, die in manchen Fällen zum Therapieprogramm gehören, oder daran, dass sie ihren Willen entgegen ihrer Erfahrung nicht durchsetzen können, oder daran, dass neue Regeln beim Essen oder Schlafen durchgesetzt werden. Dieses sichtbare Leiden der Kinder ist es, was zu vielfältiger Kritik Anlass gegeben hat.

Im Rahmen dieser Stellungnahme kann nicht die von der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e.V. in der Vergangenheit mehrfach prämierte Arbeit der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik, Allergologie und Pneumologie der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen insgesamt bewertet werden, sondern nur die Präsentation dieser Arbeit im Rahmen des Films. Es handelt sich nicht um einen Lehrfilm, in dem das gesamte Behandlungsrational dargestellt und erläutert wird. Angesichts der massiven Kritik, der sich die Klink und das Behandlungskonzept ausgesetzt sehen, kann hier nur beurteilt werden, inwiefern die gezeigten Ausschnitte im Rahmen des Dokumentarfilms diese Kritik rechtfertigen können.

Da das Vorgehen der Klinik in diesem Film nur ausschnittweise gezeigt wird, kann hier nicht abschließend beurteilt werden, ob das gesamte Vorgehen dem wissenschaftlichenErkenntnisstand und den gültigen Leitlinien  entspricht. Der Dramaturgie eines Dokumentarfilms folgend, wird zum Beispiel die erforderliche umfängliche Diagnostik der Eltern-Kind-Beziehung, der psychischen und Verhaltensstörungen der Kinder und der Eltern nicht gezeigt. Das heißt nicht, dass diese Diagnostik nicht stattfindet – sie hat, falls sie stattfindet (wovon nach Angaben auf der Webseite der Klink auszugehen ist), keinen Eingang in den Film gefunden.

Ebenso kann auch bezüglich anderer sinnvoller Bestandteile eines umfassenden Therapieplanes nicht beurteilt werden, ob sie in den Behandlungen vorkommen, da es sich eben um Ausschnitte handelt, die nur exemplarisch das Vorgehen auf der Station zeigen. Was allerdings geprüft werden kann, ist, ob die gezeigten Ausschnitte den aktuellen Leitlinien  zur Behandlung frühkindlicher psychischer Störungen widersprechen.

Dies ist nicht der Fall. Zwar werden die gestellten Diagnosen im Film in den einzelnen Fällen nicht genannt. Die gezeigten Szenen legen aber den Schluss nahe, dass unter anderem schwerwiegende Ess- und Fütterstörungen, Schlafstörungen, Regulationsstörungen, Trennungsängste und Störungen des Sozialverhaltens behandelt werden. Verhaltenstherapeutische Strategien haben sich bei der Behandlung auch schwerwiegender Ess- und Fütterstörungen als hilfreich erwiesen. Hier spielen – je nach Störungsbild - Grenzsetzungen durch die Erziehenden, wie sie im Film gezeigt werden, eine entscheidende Rolle. Eine vollstationäre Eltern-Kind-Therapie ist bei schweren Fällen angezeigt. Konfrontationen (Desensibilisierung) können dabei notwendig sein (S. 53). Ebenso ist die Löschung das Einschlafen behindernder Verhaltensweisen der Kinder eine vielfach bewährte und in den Leitlinien empfohlene Vorgehensweise (S. 62). Das Wesen der Löschung besteht darin, dass die Verhaltensweisen des Kindes (schreien, weinen, etc.) nicht mehr durch Zuwendung verstärkt werden. Genau dieses Vorgehen wird in dem Film gezeigt. Weitergehend heißt es dazu in den Leitlinien: „Die Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen ist nicht nur bezogen auf die Kernsymptomatik wirksam, sondern außerdem verbunden mit einer verbesserten Anpassung der Kinder an diverse Alltagsanforderungen tagsüber und vermehrtem elterlichen Wohlbefinden, was die frühzeitige Intervention umso sinnvoller erscheinen lässt. Bedenken hinsichtlich der Frage, ob die beschriebenen verhaltensbasierten Maßnahmen im Sinne einer Zurücknahme elterlicher Einschlafhilfen um den Preis initial vermehrten kindlichen Protests und Schreiens negative Auswirkungen auf die kindliche Bindungsentwicklung haben, konnten bisher nicht bestätigt werden.“ Schwerwiegende Regulationsstörungen sollen den Leitlinien entsprechend „die Bearbeitung von Schuldgefühlen, die Einübung von Grenzsetzung, Strukturgebung und Konsistenz im Verhalten bei gleichzeitiger Steigerung der elterlichen Empathie für ihre Kinder im Sinne des Ko-Regulations-Prinzips“ (S. 78) beinhalten. Die im Film gezeigten Ausschnitte widersprechen dieser Vorgabe nicht. Für die Behandlung von Trennungsängsten sieht die Leitlinie ebenfalls verhaltenstherapeutisch orientierte Expositionsbehandlungen vor (S. 105f), wie sie ausschnittweise im Film gezeigt werden. Auch bei frühkindlichen Störungen des Sozialverhaltens sind verhaltenstherapeutisch orientierte Strategien in der Elternberatung und der kindbezogenen Therapie leitlinienkonform (S. 147).

Warum also löst der Film, der eine Behandlung zeigt, die den wissenschaftlichen Leitlinien zur Behandlung frühkindlicher psychischer Störungen zu entsprechen scheint, solche massiven Reaktionen aus?

Zunächst erscheint der Titel des Films ebenso wie einige Rezensionen, die den Film allen Eltern mutmaßlich zur Reflexion des eigenen Erziehungsverhaltens empfahlen, in die Irre zu führen. Wir sehen im Film eben nicht Erziehungstipps „für alle“, sondern ausgewählte Ausschnitte aus der Behandlung psychisch schwer kranker Kinder und ihrer Familien im stationären Kontext. Eine Übertragbarkeit auf übliche Erziehungsprobleme ist also nur bedingt gegeben. Sollte der Film aus dieser Perspektive betrachtet werden, löst er sicherlich Irritationen aus.

Darüber hinaus offenbart die massive Kritik an dem Film, bei der Kindeswohlgefährdungen und Gewalt attribuiert werden, wenn Kinder gegen ihren Willen altersentsprechende Anforderungen erfüllen sollen, allerdings vermutlich auch ein verklärtes Kindheitsbild und eine entwicklungspsychologisch kaum nachvollziehbare Sicht auf die Entwicklung und Erziehung von Kindern. Gerade junge Kinder haben noch ein sehr eingeschränktes Verhaltensrepertoire, wenn es darum geht, ihren eigenen Willen kundzutun. Dies umso mehr, wenn es sich um Kinder mit erheblichen Störungen etwa der Emotionsregulation handelt. Sehr junge Kinder weinen oder schreien, wenn sie mit etwas unzufrieden sind. In einem üblichen Erziehungsprozess kommt es immer wieder dazu, dass Kinder auf diese Art reagieren. Tatsächlich müssen Eltern dies oft in Kauf nehmen, denn Kinder sind noch nicht in der Lage, in vollem Umfang zu erfassen, was für sie gut oder schlecht ist, auch dann nicht, wenn sie als kompetente Wesen anerkannt werden. Erziehung bedeutet unter anderem, dass Eltern willens und in der Lage sind, sich dann gegen ihre Kinder durchzusetzen, wenn sie Verhaltensweisen zeigen, die für sie kurz- oder langfristig schädlich sind. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Kind massiv Nahrung verweigert, sich nicht zu trennen bereit ist oder seinen Willen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer durchsetzen will. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, hier liebevoll erzieherisch einzuwirken. Letztlich müssen Eltern aber bereit sein, ihre Verantwortung anzunehmen und auch negative Reaktionen der Kinder auszuhalten, wenn sie im Einzelfall immer mal wieder konsequent auf Fehlverhalten der Kinder reagieren. Negative Gefühle und der Umgang damit gehören zu einem normalen Entwicklungsprozess dazu.  Die Aufgabe Erziehender ist es, die Kinder beim Kennenlernen dieser Gefühle zu begleiten und im Umgang hiermit zu stärken. Negative Gefühle auf Seiten der Kinder zu verhindern kann dagegen als eine Art der Überprotektion einer gesunden Entwicklung entgegenstehen.

In den konsequenten Strategien, die im Film gezeigt werden, Gewalt und Kindeswohlgefährdung zu erkennen, verharmlost wirkliche Kindeswohlgefährdungen und reale Gewalt gegen Kinder. Auch wenn häusliche Gewalt in unserer Gesellschaft insgesamt rückläufig ist, leiden immer noch viele Kinder unter furchtbaren Bedingungen. Hier sind nicht nur die medienwirksamen Fälle mit massivem, manchmal tödlichem Ausgang zu nennen, sondern die alltägliche Gewalt, die alltägliche Vernachlässigung, unter der immer noch zu viele Kinder leiden. Deren real kindeswohlgefährdende und gewaltvolle Lebensbedingungen durch die gleiche Begriffswahl mit den im Film gezeigten Szenen zu verbinden, ist völlig unangemessen.

Die massivste Kritik an dem Film kommt von VertreterInnen des „Attachment Parenting“ (AP), das in den USA u. a. von Schauspielerinnen wie Mayim Bialik und Alicia Silverstone stark popularisiert wurde. Dabei handelt es sich um die umstrittene Erziehungsideologie des US-amerikanischen Kinderarztes und evangelikalen Christen William Sears, die mit einschlägigen psychologischen Forschungsbefunden nicht übereinstimmt und nur oberflächlich an die Begrifflichkeit der Bindungsforschung anknüpft. Zwar ist die Eltern-Kind-Bindung zweifellos von herausragender Bedeutung für die kindliche Entwicklung, ob aber tatsächlich sehr langes Stillen (bis ins 4. Lebensjahr), sehr langes Schlafen im elterlichen Bett (Co-Sleeping) und andere Vorschläge aus dieser Richtung tatsächlich für eine bessere Bindung sorgen, ist nicht belegt. Kritische Stimmen halten die Idee des „Attachment Parenting“ für entwicklungshemmend und frauenfeindlich, da es eine „Kultur der totalen Mutterschaft“ (Judith Warner) fordere. Aus der Perspektive des „Attachment Parenting“ wären die im Film gezeigten Szenen tatsächlich kritisch zu betrachten, allerdings sollte sich die wissenschaftlich fundierte Behandlung von Kindern nicht an den Kriterien umstrittener Ideologien ausrichten.

Es scheint in diesem Kontext so zu sein, dass die um den Film aufgekommene Debatte auch ausgenutzt wird, um vermeintlich überwundene Schulenstreits wieder neu aufleben zu lassen. In den entsprechenden Social-Media-Foren wird deutlich, dass die Kritik vom Film allgemein auf die in den wissenschaftlichen Leitlinien verankerten verhaltenstherapeutischen Vorgehensweisen ausgebreitet wird und mit unerwarteter Vehemenz wissenschaftlich bestätigte verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen kritisiert werden. Dabei scheint es allerdings in vielen Fällen auszureichen, den Filmtrailer gesehen oder sich über andere Sekundärquellen über den Film informiert zu haben, ohne ihn selber zu sehen. Auch scheint eine engere Kenntnis der Forschungslage und der AWMF-Leitlinien bei vielen überaus emotionalen Kommentaren nicht vorhanden zu sein.
Es wäre schön, wenn der Film zu ernsthaften, an der sicherlich noch oft erheblich ausbaufähigen Befundlage orientierten Diskussionen Anlass geben würde. Selbstverständlich darf und soll eine kritische Diskussion erfolgen, in der sachliche Argumente unter Einbezug relevanter Forschungsbefunde ausgetauscht werden und die losgelöst ist von den durch den Film ausgelösten Emotionen. Dies würde den betroffenen Familien und unserer Profession helfen. Auch darf das Konzept des Filmes als Dokumentarfilm mit dem Titel „Elternschule“ sicher kritisch hinterfragt werden. Die augenblickliche hysterisch anmutende Diskussion allerdings hilft niemandem, den leidenden Kindern und Familien nicht und denjenigen unter uns nicht, die auf wissenschaftlicher Grundlage die bestmöglichen Hilfen für solche Familien weiterentwickeln wollen.

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs
Für die Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der DGVT
Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e. V.

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